Vergessen und vergessen werden

Ein „pikanter“ Begriff, wo doch gerade in Deutschland immer wieder gefordert wird, dass wir „niemals vergessen“ dürfen. Das mag für die Politik und historische Ereignisse gelten, aber wie sieht es im Kleinen aus? Es geht mir jetzt auch nicht um das Vergessen historischer Ereignisse, sondern um den Begriff in seiner Bedeutung allgemein.

Googelt man diesen Begriff, so findet man:

ver·gẹs·sen
Verb [mit OBJ]
  1. 1.

    (jmd. vergisst etwas)

    aus dem Gedächtnis verlieren.
    „Ich habe ihre Telefonnummer vergessen.“
  2. 2.

    (jmd. vergisst jmdn./etwas)

    nicht mehr an jmdn. oder etwas denken.für alle Zeit dankbar/böse sein.
    „Vergiss nicht, die Katze zu füttern!“
Verb [mit SICH] (jmd. vergisst sich)
  1. 1.
    die Kontrolle über die eigenen Handlungen verlieren.
    „Nachdem er über eine Stunde vergeblich auf sein Essen gewartet hatte, vergaß er sich und begann im Lokal zu toben.“
  2. 2.
    umg.

    Vergiss es!

    das hat keinen Sinn, das ist nicht so wichtig!

Vergessen kann schlecht, aber auch gut sein. Manchmal wäre es sicher gut, wenn man unliebsame Erinnerungen und Erlebnisse einfach mal so aus dem Gedächtns löschen könnte. Aber was passiert, wenn man regelrecht gelöscht wird? Wenn einem der eigene Verstand immer mehr Streiche spielt und man langsam alles vergisst, was einen selbst und auch sein Umfeld ausgemacht hat? Wir Menschen leben auch von und durch unsere Erinnerungen und Erfahrungen. Wie muss es sein, wenn täglich ein Stückchen davon in den Nebel des Nichts abdriftet und sich nie mehr zurückholen lässt?

Letzte Woche hatte ich ein Erlebnis, das mich immer noch beschäftigt.

Eine Dame, nennen wir sie hier mal Frau J., kenne ich nun schon seit mehr als 26 Jahren. Sie ist lange verwitwet, hat einen Sohn, der mit seiner Familie etwa 30 Kilometer entfernt wohnt. Sie war stets eine aufgeweckte, lebhafte Person, die einen recht eigenwilligen Begriff von Ordnung und Sauberkeit hatte. Heute würde man es als penibel, Putzfimmel oder schon gar eine Manie bezeichnen. Nie habe ich eine Person mehr schrubben, kehren, wischen und putzen gesehen. Jeden Samstag wurde die Strasse gekehrt und der Gartenzaun abgewaschen. Kein Grashalm oder Moosplösterchen hatte zwischen die Ritzen der verlegten Gehwegplatten im Garten und  dem Pflaster vor dem Haus den Hauch einer Chance. Das fallende Laub im Herbst wurde als Kriegserklärung gegen die Ordnung betrachtet und erbarmungslos beseitigt, notfalls mehrfach am Tag. Alles im und ums Haus glänzte vor Sauberkeit. Sogar der Betonfussboden in der Waschküche war spiegelblank gebohnert. Selten sah ich die alte Dame ohne ihre Kittelschürze, in der sie stets emsig mit irgendeiner Tätigkeit beschäftigt war, die sich nahezu immer um Ordnung und Sauberkeit drehte. Auch wenn wir in diesem Bereich des täglichen Lebens gegesätzlicher nicht sein könnten, hatten wir immer ein gutes und auch herzliches Verhältnis zueinander. Jede Begegnung hatte ein freundliches Wort und es gab immer mal einen netten Schwatz „über den Gartenzaun“. Frau J. hatte einen Bekannten, der sie mit seinem kleinen auto oft abholte. Beide genossen diese Ausflüge sehr und halfen sich gegenseitig. Stets war Frau J. „wie aus dem Ei gepellt“ wenn sie das Haus verließ.

Dann erlitt ihr Bekannter einen Schlaganfall und konnte nicht mehr Auto fahren. Nun verengte sich ihr Radius, den sie zur Verfügung hatte. nicht zuletzt durch die schlechte Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel im Ort. Aber Spaziergänge mit ihrer Freundin aus der Nachbarschaft und  Besuche bei ihrem Bekannten machten ihr Leben weiterhin vielfältig und interessant.

Es muss so gut anderthalb Jahre her sein, als sie mir bei einem Gespräch erzählte, dass sie sich neuerdings immer so müde fühle. Der Arzt hätte ihr etwas gegen zu hohen Blutdruck gegeben und sie hätte ein erhöhtes Schlafbedürfnis. Noch machte ich mir keine Sorgen. Dies änderte sich jedoch, als Frau J. danach mehfach hintereinander zusammenbrach und ins Krankenhaus musste. Ihre Aufenthalte dort waren von unterschiedlicher Dauer, aber jedes Mal kam sie stiller und in sich gekehrter zurück. Die Müdigkeit liess sich nicht abschütteln und es kam Appetit- und Teilnahmslosigkeit dazu. Unsere Gespräche dauerten plötzlich länger, da sie öfters nach Begriffen suchen musste und sich merklich darüber ärgerte.

Als ich sie das erste Mal mit verschiedenfarbigen Socken und einem umgeschlagenen Hosenbein sah wusste ich, dass da etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Dann veränderte sich die Lage rasant: Sie putzte nicht mehr draussen, ein Helfer kam (und kommt) zum Rasenmähen und der Pflegedienst der Diakonie rast mehrfach täglich bei ihr durchs Haus (anders kann man diese zeitbegrenzte, hektische Versorgung im Minutentakt nicht nennen).  Auch „Essen auf Rädern“ wird Mittags gebracht. Nur den Sohn sehe ich sehr selten, seine Familie samt Enkelin nie. Frau J. verlässt das Haus immer seltener, bekommt nahezu nie Besuch. Ihre Freundin ist gesundheitlich angeschlagen und so fallen jetzt auch die gemeinsamen Spaziergänge zum Friedhof weg. Dann erfuhr ich von ihrem Sohn die traurige Diagnose: Demenz!

Demenz ist grausam, nicht nur für den Betroffenen. Es ist schleichend, nicht umkehrbar und so schwer zu verstehen. Auch meine Oma hatte Demenz und den Tag, an dem sie mich freundlich fragte „Wer sind Sie?“ werde ich nie vergessen. Nun scheint es Frau J. auch so zu gehen. Schon lange spricht sie uns nicht mehr mit Namen an, da sie sich offensichtlich schämt nicht mehr zu wissen, wie wir heissen. Sie merkt deutlich, das etwas nicht stimmt, kann es aber nicht beschreiben. Diese Trauer und Hilflosigkeit in ihren Augen zu sehen tut weh.  Manchmal möchte sie uns etwas Gutes tun, hängt uns ein Tütchen mit Obst oder Wurst an die Türklinke. Manchmal liegen aber auch stattdessen ihre Abfälle da, weil sie einfach keine Unterscheidung mehr treffen kann. Wir räumen den Abfall dann kommentarlos weg, sie meint es ja nicht böse.

Letzte Woche fuhr ich bei ihr vorbei, als ich die offene Haustür und ein nahezu komplett erleuchtetes Haus bemerkte. Ich hielt an und ging zur Tür. Sie war einen Spalt geöffnet, und ich bekam Angst, was ich dahinter vorfinden könnte. War etwas passiert? Vielleicht sogar ein Überfall oder ein Notfall? Ich klopfte und rief und Frau J. kam mir zum Glück unversehrt entgegen. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ihre Tür offen war, doch sie verstand mich nicht. In ihrer kleinen Küche sassen wir dann zusammen am Tisch und ich musste zuschauen, wie sie versuchte eine zweite Brille über ihre erste zu setzen. Als ich ihr zum wiederholten Male ein frohes neues Jahr gewünscht hatte, verstand sie mich ebenfalls nicht. Ihre penibel Kante auf Kante auf der Fensterbank gestapelten Tageszeitungen hatte sie offensichtlich in den letzten Tagen noch nicht gelesen. Und dann hantierte sie mit zwei Schlüsselmäppchen, wobei sie ständig eines in das andere Stecken wollte und sich über den zu geringen Platz darin wunderte. Dann bemerkte ich, dass sie sich auf ihrem glatten Fussboden auf Socken bewegte. Ich schaute nach ihren Schuhen, fand sie aber nicht. Ich wollte nun nicht einfach in ihren Räumen nachschauen und konnt ihr so nicht helfen. Als sie mir dann zur Haustür folgte und mehrfach die Kellertür öfffnete, um dort unten irgendetwas suchen zu wollen, bekam ich richtig Angst. Eine alte Dame, die schon etwas wackelig steht, dazu dement ist und auf Wollsocken auf einem glatten Linoleumboden läuft… Wie schnell kann sie stürzen und niemand merkt es. Ihre Haustür hatte sie übrigens abgeschlossen, allerdings während sie geöffnet war. Das war auch der Grund, warum sich die Tür nicht schließen lies. Ich bat sie dann um ihre Schlüssel, entriegelte das Schloss und versprach ihr im Gehen, die Tür richtig fest zuzuziehen. „Ich habe Angst“, sagte sie da. „Ich traue hier nichts und niemandem mehr. Alles ist so seltsam.“ Als ich mich verabschiedete und ging sah ich durch die Glasscheibe der Tür noch, wie sie verzweifelt versuchte mit dem falschen Schlüssel ihre innere Flurtür zu verriegeln.

Mein Mann hat dann über Umwege, auf die ich hier nicht näher eingehen will, ihren Sohn erreicht und ihm die Geschehnisse und unsere Besorgnis geschildert. Es war ein kurzes Gespräch mit der Versicherung „Er würde sich um das Notwendige kümmern und hätte schon Massnahmen eingeleitet.“

Gesehen habe ich ihn seitdem nicht. Weder bei Frau J. geschweige denn, dass er mal bei uns geklingelt und sich detaillierte Informationen besorgt hätte. Ich weiss, dass Frau J. eine nicht immer einfache Person war und ist, doch sie hat ihrem Sohn alles ermöglicht, zu was sie irgendwie in der Lage war. Dass er sie nur ab und zu  besucht, um einige Einkäufe zu erledigen, macht mich traurig. Als in der Nachbarschaft eine alte Dame Besuch von ihrer Familie bekam, sagte sie einmal zu mir: „Das würde ich auch gern einmal erleben, dass sich meine Schwiegertochter nur einmal um mich kümmern würde.“ Ob und inwieweit das stimmt kann ich nicht beurteilen. Aber ich weiss, das sie sehr einsam ist. Vielleicht ist es auch diese Stille, die Einsamkeit und das Fehlen von Anreizen, die ihre Demenz jetzt so schnell fortschreiten lässt. Der Blick in ihre Augen hat mich so unendlich traurig gemacht. Wo  früher Lebensust und ein wacher Geist strahlten, sah ich nur noch Leere und eine unendliche Verlorenheit.

So wird sicher bald wieder ein Haus leerstehen und die Bewohnerin im Pflegeheim landen. Ich kann nichts dagegen tun, ihr nur wünschen, dass man sich dort gut um sie kümmert und sie nicht allein im Zimmer vor sich hindämmert. Ob ihre Familie sie dann mehr besucht? Ich bezweifle es.

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