Anstand, das Gegenteil und eine Menge Folie

„Kind, hast du denn keinen Anstand“, hiess es früher immer, wenn ich  mal nicht ordnungsgemäss gegrüsst oder mal nicht die Tür aufgehalten hatte. „Keinen Anstand haben“ war gleichbedeutend mit keine Manieren, schlechtem Benehmen, „schlechter Kinderstube“. Etwas „anständig“ machen, anständig sein, ein „anständiger Mensch“. Begriffe und Wertvorstellungen, die anscheinend langsam aber sicher im Nebel des letzten Jahrhunderts verschwinden.

Zumindest hatte ich am Wochenende diesen Eindruck. Unser örtlicher Landmaschinenhändler hatte zur jährlichen Frühjahrsausstellung geladen, die (und das nicht nur von mir) gern auch als „Gummistiefelkirmes“ bezeichnet wird. Mir erschließt sich bis heute nicht, warum man ausgerechnet am Wochenende zwischen unzähligen Landmaschinen herumläuft, völlig überteuerte Devotionalien einer bestimmten Landmaschinen-Marke kauft, sich mit Bratwurst, Pommes und Bier befüllt um dann Abends noch zu den Klängen einer Kirmesband weiter Alkohol in sich hineinzuschütten und „Atemlos durch die Nacht“ mitzugröhlen. Nun ja, wer es mag, der soll hingehen und seinen Spaß haben. Ich gehe definitv nicht. So unterhaltungstechnisch ausgehungert kann ich nicht sein, als dass ich mir DAS antun würde. Da unser Schlafzimmerfenster in die Richtung der Feiernden zeigt, bekomme ich auch unfreiwillig genug vom dargebotenen Schrott Programm.

Offensichtlich geht es da etlichen Menschen in den verschiedenen Altersgruppen komplett anders. Zumindest setzte (wie jedes Jahr) gegen Abend ein reger Publikumsverkehr ein, der sich in unserer Straße durch etliche „Fremdparker“ bemerkbar machte. Nachdem zu späterer Stunde auch ein Fahrzeug vor unserem Haus parkte und seine Insassen lautstark kundtaten, dass sie wohl „vorgeglüht“ hatten, wurde ich doch neugierig und öffnete die Haustür. Eine Gruppe junger Leute entstieg dem Auto, um sich zielstrebig auf den Weg zur Quelle der Verblödung Unterhaltung zu machen. Einer von ihnen kam allerdings nicht weit. Im Schatten der Fichten im Vorgarten stoppte er auf dem Gehweg, öffnete seine Hose und schickte sich an, in unseren Vorgarten zu pissen. Nicht nur dass dort mein Steinaltar steht, ich HASSE solche ein Verhalten grundsätzlich wie die Pest. Na warte! Flugs den Lichtschalter betätigt und unsere erst kürzlich installierte Vorgartenbeleuchtung beschien den Übeltäter und sein ausgepacktes Schwänzchen mit der vollen Kraft mehrerer leuchtstarker Halogenlampen. Dazu flitzte ich aus dem Haus (so schnell ich konnte) und brüllte, dass ich ihm Beine machen würde. Ehrlich, ich habe noch nie jemanden so schnell abhauen sehen. Ob er das mit heraushängendem Schniepel tat, oder sich sein Würstchen im Reissverschluss einklemmte, kann ich leider nicht sagen. Er war einfach zu schnell seinen Kumapnen hinterhergerannt.

Wildpinkeln verboten. Quelle: www.oz-online.de

Quelle: www.oz-online.de

Tja das ungehemte Revierpinkeln. Offensichtlich auch ein Merkmal dieser Festbesucher-Klientel. Ehrlich, da geht es auf jeder Rockerfete friedlicher und gesitteter zu. Und in Sachen Rockerfeten hab ich gut 27 Jahre Erfahrung. Immerhin erschloß sich mir jetzt, warum rings um den ausstellenden Gewerbebetrieb alle Zäune und Hecken mit Folie abgehängt waren. Offensichtlich schaffen es die Festgäste trotz aufgestelltem Toilettenwagen nicht, diesen auch zu benutzen und pinkeln hemmungslos an die Hecken der umgebenden Grundstücke. Was das dufttechnisch bei trockener Witterung und intensiver Frühlingssonne für die Bewohner bedeutet, kann man sich sicher lebhaft vorstellen. Pissemuff statt Primelduft. Leider reicht die Folie nicht bis zu unserem Haus, und unser Zaun ist auch zu niedrig, so dass jeder Dödel den Seinigen locker drüberhängen kann. So bleibt mir wohl nur übrig, im nächsten Jahr auch bei verdächtigen Geräuschen mal leise die Tür zu öffnen und zu schauen, ob es sich um „anständige“ Fußgänger oder elende Wildpinkler handelt. Vielleicht sollte ich doch mal mit einer Autobatterie und Weidezaundraht experimentieren? Eine passende Hymne hätte ich auch schon: „Dieses Kribbeln im Schlauch, dass du neiemals vergisst, wenn du an einen geladenen Weidezaun pisst…“ Die würde ich dann ganz genüsslich vor mich hinträllern, während der gemaßregelte  „Anstandslose“ mit elektrisiertem Zipfel von Dannen hüpft.

Apropos Folie: Mir tun die Schergen Mitarbeiter leid, die nach Ende der Veranstaltung die ganze vollgepinkelte Folie entfernen „durften“. Das war sicher ein besonders beliebter „Spezialauftrag“.

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